„Wir müssen Defizite in der Ausbildung ausgleichen“

Der international tätige Pumpenhersteller KSB sorgt sich um „Generation Corona“. Die Corona-Pandemie mit Schulschließungen und Wechselunterricht hat Lerndefizite hinterlassen. Das gilt für Schulabgänger, die im Sommer ihre Ausbildung aufnehmen. Das gilt aber auch für die aktuellen Ausbildungsjahrgänge. „Wie gelingt es uns diese Defizite aufzuarbeiten?“, fragen sich Ausbilder in ganz Deutschland. Und: „Wie kann uns die Politik bei unserer Arbeit unterstützen?“ Der Pumpenhersteller KSB, der auch im bayerischen Pegnitz mit einen großem Standort betreibt, hat hier erfolgreich eigene Konzepte erarbeitet und Ideen entwickelt.

Bester Ausbildungsbetrieb im Maschinen- und Anlagenbau

„Wir haben in schwierigen Zeiten eine der hochkarätigsten Auszeichnungen für unsere Ausbildung erhalten“, erzählt Petra Fischbeck stolz, die bei KSB die Ausbildung an den drei Standorten Pegnitz (Bayern), Frankenthal (Rheinland Pfalz) und Halle (Sachsen-Anhalt) koordiniert. KSB ist 2021 zum „Besten Ausbildungsbetrieb Deutschlands im Maschinen- und Anlagenbau“ gekürt worden. Die Auszeichnung basiert auf einer Studie von „Deutschland Test“ und dem Wirtschaftsmagazin „Focus Money“.
Das Ausbildungsteam des Pumpen- und Anlagenherstellers KSB ist Preise und Auszeichnungen gewohnt. Schon mehrfach schlossen KSB-Azubis als Beste ihres Jahrgangs ab. Aber dieses Jahr war eben kein normales Ausbildungsjahr. Dieses Ausbildungsjahr war das Jahr der Corona-Pandemie.

Herausforderungen für Ausbildungsbetriebe durch Schließungen der Berufsschulen

Das Virus verbreitete sich quer über den Globus. Inzidenz-Wellen und lokale Lockdowns wanderten von Osten nach Westen. Ein Konzern wie KSB spürt das: Seine Vertriebsgesellschaften, Fertigungsstätten und Servicebetriebe sind weltweit vertreten. Es gab Werksschließungen in Indien, Südafrika, Italien und Frankreich. Aufträge und Umsätze brachen zeitweise ein. Alle Produktionsstandorte setzten auf strenge Hygienevorschriften, um ihre Mitarbeitenden und Auszubildenden zu schützen. In Deutschland wurden an einem Sonntagnachmittag im Frühjahr 2020 alle 200 dualen Auszubildende darüber informiert, dass sie Montagmorgen bitte nicht wie geplant in die Berufsschule, sondern in ihre Betriebe gehen sollten.
„Die zeitweise Schließung der Berufsschulen in Deutschland hat uns vor Herausforderungen gestellt“, erinnert sich Rüdiger Köpp, Ausbildungsleiter in Frankenthal. „Unser großes Glück war, dass wir unsere Ausbildung bereits 2019 digitalisiert und alle Auszubildenden mit Tablets ausgestattet hatten. Es war deshalb vergleichsweise einfach, eine Lernortverlagerung durchzuführen“, fügt Petra Fischbeck hinzu.

Ausbildung bei KSB in Frankenthal
Ausbildung bei KSB in Frankenthal

Digitale Lernplattform für die Ausbildung

Die Ausbilderinnen und Ausbilder bei KSB haben schnell verstanden, dass besondere Zeiten besondere Maßnahmen erfordern. Im Schnellverfahren digitalisierten sie Schulungsunterlagen, produzierten Lehrvideos und interaktive Wissensstrecken mit Lernerfolgskontrollen. Das alles stellten sie den Auszubildenden über eine digitale Lernplattform auf ihren Tablets zur Verfügung. „Darüber hinaus haben wir viel mehr Werksunterricht für unsere Azubis in der gewerblich-technischen Ausbildung organisiert, die ja weiterhin bei uns vor Ort waren“, erklären Köpp und Fischbeck. „Für uns war klar, dass wir die versäumten Stunden der Berufsschule im Betrieb auffangen müssen.“ Dies galt vor allem für das Fach Mathematik aber auch in der Grundlagenvermittlung der CNC-Technik.
Die Pandemie hat Jugendlichen viel abverlangt. Köpp und Fischbeck erlebten aus nächster Nähe, wie Corona das Leben der Jugendlichen veränderte: Plötzlich waren da keine Sport- und Musikvereine mehr, kein Treffen mit Freunden, keine Partys. – Was verlässlich blieb, war der Betrieb. „Früher scharrten unsere Jugendlichen fünf Minuten vor Feierabend mit den Hufen und wollten ihre Freizeit beginnen“, erzählt Köpp. „Jetzt sage ich den Mädels und Jungs: Packt mal langsam eure Sachen. Ihr habt eigentlich seit zwanzig Minuten frei. Der Betrieb hat für viele hier Familien- und Freundeskreis ersetzt.“
Das Ausbilder-Team der KSB hat sich dieser besonderen Verantwortung gestellt. Über Messenger-Dienste konnten die Jugendlichen sie auch nach Feierabend erreichen. Auch Gespräche über persönliche Probleme waren kein Tabu und kamen immer häufiger vor. Da wurden die Ausbilder auch mal angerufen, wenn es Stress mit der Freundin gab. „Bei der Arbeit haben wir außerdem beobachtet, dass Jugendliche im Laufe der Pandemie immer introvertierter wurden. Die Fähigkeit zur Team-Arbeit hat bei vielen stark abgenommen“, fügt Köpp nachdenklich hinzu. „Es fällt Jugendlichen plötzlich schwer, sich im Team zu positionieren oder gemeinsam Lösungen zu finden. Das ist ein völlig neues Phänomen, das wir seit Jahren so nicht mehr hatten.“

Ausbildung bei KSB in Frankenthal
Ausbildung bei KSB in Frankenthal

Ausbilder möchte sich um Azubis, nicht um komplizierte Förderprogramme kümmern

Petra Fischbeck sieht große Aufgaben im neuen Ausbildungsjahr auf ihr Team zukommen. Fördermaßnahen, wie die Ausbildungsbegleitenden Hilfen (AbH), die gerade schwächeren Azubis zugutekommen, haben während der Pandemie gar nicht stattgefunden. – Und im neuen Ausbildungsjahr?
„Wir brauchen dringend auch von politischer Seite Unterstützung, um unsere hohe Ausbildungsqualität halten zu können“, sagt Fischbeck bestimmt. „Es müssen Fördermaßnahmen aufgelegt werden, die wirklich maßgeschneidert passen. Ich würde mir wünschen, dass auch die Stelle eines zusätzlichen Ausbilders oder einer zusätzlichen Ausbilderin gefördert werden kann, um die Defizite der Jugendlichen passgenau auf die Bedürfnisse des Betriebs hin auszugleichen.“ Rüdiger Köpp nickt zustimmend. Er wünscht sich, dass die Politik die Anliegen der Ausbildungsbetriebe hört, Programme aufsetzt und dann auch offensiv bekanntmacht. Rüdiger Köpp möchte sich um seine Auszubildenden kümmern – und nicht der Politik hinterherlaufen müssen, um möglicherweise komplizierte Förderprogramme abrufen zu können. Er ist überzeugt davon: Seine Jugendlichen brauchen jetzt Hilfe.

Fotos: KSB