„Die Digitalisierung treibt die Patentanmeldungen voran“

Ob Digitalisierung oder autonomes Fahren: Die Metall- und Elektro-Industrie meldet die meisten Patente an. Das hilft auch, nach der Pandemie durchzustarten.

„Die Digitalisierung treibt die Patentanmeldungen voran“

Die Unternehmen der M+E-Industrie halten 75 Prozent aller Patentanmeldungen

Die deutsche Metall- und Elektro-Industrie ist so innovativ wie keine andere Branche: Nach aktuellen Zahlen meldete sie deutschlandweit zuletzt 75 Prozent aller Patente an. Und das bei einem Arbeitnehmeranteil von 12 Prozent an der Gesamtwirtschaft. Wir haben mit Innovationsforscher Dr. Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft über Hintergründe und Chancen dieser Innovationskraft fürs Durchstarten nach der Pandemie gesprochen.

Herr Koppel, woran liegt es, dass die Patentanmeldungen der M+E-Industrie weiter gestiegen sind?

Hauptthema ist die Digitalisierung, die die Patentaktivität vorangetrieben hat. Viele vorhandene Technologien und Produktionsverfahren in Automobilbau, Maschinenbau und Elektrotechnik verändern sich durch die Digitalisierung – Stichworte Industrie 4.0 und Smart Production. Und Digitalisierung passiert in kleineren Innovationsschritten als beispielsweise pharmazeutische Forschung. Dadurch hat es mehr Patente gegeben. Oft geht es dabei um autonome Entscheidungen von Maschinen und einen sehr viel dezentraleren Produktions- und Lagerfluss.

Welche M+E-Bereiche melden die meisten Patente an?

Die mit Abstand innovativste Branche ist der Automobilbereich. Für das autonome Fahren wurde unglaublich viel geforscht, weil das komplettes Neuland ist. Auch die Elektroindustrie ist sehr innovativ, und zwar nicht nur die Großen, sondern auch der Mittelstand. Anders im Maschinenbereich, wo es nicht so einfach ist, noch Riesensprünge zu machen. Hier ist die Patentaktivität zwischenzeitlich sogar ein bisschen rückläufig gewesen – leider auch aus Angst, dass der Patentschutz in Ländern wie China nicht reicht. Aber China ist nicht mehr nur das Nachahmerland, sondern forscht selbst auf hohem Niveau und ist auf dem Weg zur weltweit führenden High-Tech-Nation. Dafür hat es den Patentschutz im eigenen Land massiv verbessern müssen, um hochinnovative chinesische Unternehmen vor dem Patentdiebstahl durch andere chinesische Unternehmen zu schützen. Insgesamt ist es damit wahrscheinlicher, dass zurückgehaltene Erfindungen deutscher Maschinenbauer in China ebenfalls gemacht und dann patentiert werden. Damit kann der deutsche Maschinenbauer seine Erfindung nicht mehr nutzen.

 

„Das große Problem in Deutschland ist, dass die Politik immer der Meinung ist, dass sie es besser weiß als der Markt. Das hat zu sehr selektiven Förderungen geführt. Man hat zum Beispiel Millionen in die Solarindustrie investiert. Und wir wissen, was daraus geworden ist: Die Solarindustrie in Deutschland ist tot und aufgekauft von den Chinesen. Sämtliche Arten von Innovationen sollten stattdessen gefördert werden, um zu sehen, was sich am Ende durchsetzt.“

Innovationsforscher Dr. Oliver Koppel zur Forschungsförderung

 

Gibt es im Automobilbereich auch deshalb so viele Patente, weil es einen Nachholbedarf in der Forschung zu alternativen Antriebstechnologien gibt?

Die Automobilindustrie forscht bereits seit etwa zehn Jahren technologieoffen an CO2-armen Antriebstechnologien und hat hier durchaus schon sehr viele Patente entwickelt. Anfangs hat sie auf einen breiten Technologiefächer gesetzt, da überhaupt nicht klar war, welche Technologie sich am Ende durchsetzt. Diese breite Forschungsinfrastruktur bereitzuhalten, kostet auch eine Menge Geld. Aber da wir Stand heute immer noch nicht wirklich wissen, welche Technologie sich durchsetzen wird, war das nicht die schlechteste Strategie. Und man muss sehen: Die Patentleistung der Automobilindustrie ist innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 70 Prozent gestiegen. Das hat keine andere Branche auch nur ansatzweise geschafft. Einen Nachholbedarf sehe ich deshalb nicht.

Was vermuten Sie: Werden die Patentanmeldungen durch die Corona-Krise einbrechen?

Wir können die Auswirkungen der Pandemie aufgrund der Offenlegungsfrist erst in eineinhalb Jahren sehen. So lange sind die Patente zum Schutz vor zu schnellen Nachahmern nicht öffentlich, und Zahlen von 2018 heute sozusagen brandneu. Aber aus den Beobachtungen von Krisen der Vergangenheit können wir sagen, dass sie für die patentbezogenen Innovationen ziemlich irrelevant waren. Das liegt an zwei gegenläufigen Effekten: Grundsätzlich sind die Forschungsbudgets in den großen Unternehmen für fünf bis zehn Jahre festgeschrieben, so dass wir eine zwei- bis dreijährige Krise nicht so sehr an Rückgängen in den Forschungsaufwendungen sehen. Was Forschung und Entwicklung in Krisenzeiten typischerweise auch unterstützt: Die Auslastung ist meist nicht am Anschlag, die Unternehmen haben also mehr Zeit. Gerade der Mittelstand hat dann brachliegende Produktionsressourcen, und die Mitarbeiter können sinnvoll Zeit in Forschung investieren.

Sind Innovationen auch ein Vehikel, um sich für den Weg aus der Krise zu stärken?

Unbedingt. In der letzten Krise haben wir deutlich gesehen, dass mittelständische Metall- und Elektro-Unternehmen einen Schritt zurückgegangen sind und überlegt haben, ob es sich lohnen könnte, die Wertschöpfungskette zu vertiefen, also zugelieferte Teile eher selbst herzustellen, oder sich mit ganz neuen Produkten neue Nischen zu erschließen. Jede Krise ist auch eine Chance für einen kompletten Neubeginn.

In welchen Bereichen forschen die Metall- und Elektro-Unternehmen aktuell?

Ein großes Thema ist eine Art Inhouse-GPS, da das tatsächliche GPS-System die Werkshallen nicht durchdringen kann. Mit Sendern und Beacons richten immer mehr Unternehmen ein bis auf extrem geringe Distanzen genaues Ortungssystem ein. Damit lässt sich die interne Logistik in Echtzeit verfolgen und gleichzeitig die Sicherheit der Werksmitarbeiter verbessern, indem ihre Bewegung an den Produktionsanlagen getrackt wird. Auch in der Werkstoff- und Oberflächentechnologie passiert unglaublich viel. Hier geht es bei fast allen Innovationen um mehr Ressourceneffizienz.

Welche Unterstützung könnten M+E-Unternehmen von politischer Seite dazu brauchen?

Die Politik sollte den Empfängerkreis der steuerlichen Forschungsförderung ausbauen. Diese hat den großen Vorteil, dass sie Unternehmen unabhängig von bestimmten Technologien belohnt, die in Forschung und Entwicklung investieren. Selbst, wenn sich das nicht in Patenten niederschlägt: Das Wissen aus Forschungsprojekten können Unternehmen immer gut gebrauchen. Diese Umsetzungskompetenz ist für sie elementar. Bisher ist die steuerliche Forschungsförderung auf kleine und mittelständische Unternehmen ausgerichtet. Das sollte die Bundesregierung auf alle Unternehmen ausweiten und die förderfähigen Beträge deutlich aufstocken. Die Erfahrungen aus anderen Ländern haben gezeigt, dass Unternehmen ihre Forschungsbudgets als Folge der steuerlichen Forschungsförderung deutlich stärker ausdehnen als sie es ohne getan hätten. Das ist wesentlich effizienter als die Förderung einzelner Technologien durch den Staat. Mit Blick auf China sollte die Bundesregierung zusammen mit anderen patentstarken Ländern darauf drängen, dass das Land auch den letzten Schritt zu internationalen Standards bei der Durchsetzung von Patentrechten unternimmt.

Grafik: Gesamtmetall; Foto: IW