„Die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, ist untergegangen“

Wenn einen Technologiekonzern in der digitalen Transformation die Pandemie trifft, bleibt nichts, wie es war: Wie Siemens den Wandel der Arbeitswelt stemmt.

Siemens-Manager Rainer Welzel zu digitalem Wandel, Innovationen und Weiterbildung

Wie sieht es aus in einem weltweiten Technologiekonzern auf dem Weg in die Digitalisierung, wenn er mitten in diesem Wandel durch die Pandemie steuern muss? Siemens ist mit mehr als 90.000 Beschäftigten einer der größten privaten Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe in Deutschland. Rainer Welzel, Personalleiter Südwest, spricht über die Herausforderungen der zurückliegenden Pandemie-Monate, über digitale Transformation, Innovationen und Weiterbildung.

Wo steht der Großkonzern Siemens mit weltweit fast 300.000 Mitarbeitern heute im Zeitalter von digitalem Wandel, Pandemie und anderen Megatrends?

Siemens hat sich enorm gewandelt und ist heute ein Mischkonzern mit den Schwerpunkten digitale Transformation, Infrastruktur, Mobilität und Gesundheit. Auf dem Weg dahin mussten auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Aber dafür stehen wir jetzt richtig gut da.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja. Ein Beispiel ist das Schaltanlagenwerk in Fechenheim. Im Jahr 2000 wurde die Produktion luftisolierter Schaltanlagen hier aufgegeben, und man hat sich auf die gasisolierten Schaltanlagen konzentriert. Das sind Schlüsselkomponenten in Stromverteilungsnetzen, damit man Strom etwa in ganzen Straßenzügen an- oder abschalten kann. Wir sind heute der Markt- und Technologieführer für diese Anlagen, und das Fechenheimer Werk gilt als produktivster und auch umweltfreundlichster Betrieb der Branche weltweit. Seit 2000 wurden 750 Arbeitsplätze auch im Blue Collar Bereich aufgebaut, und wir sind dabei, die Anlagen noch umweltfreundlicher zu machen. Übrigens haben wir gerade das vierte Rekordjahr in Folge hingelegt.

Innovativ: Schaltanlagenwerk von Siemens in Frankfurt-Fechenheim
Erfolgreich durch Innovationen und Qualifizierung: Bei gasisolierten Schaltanlagen, die hier in Frankfurt-Fechenheim hergestellt werden, ist Siemens Markt- und Technologieführer.

Was löste diesen Erfolg aus?

Ich bin davon überzeugt, dass letztlich zwei Dinge über Erfolg und Misserfolg und damit die Zukunft eines Betriebs entscheiden: Innovationskraft und die Geschwindigkeit, mit der Innovationen und damit einhergehende Veränderungen bis hin zur Qualifizierung der Mitarbeiter umgesetzt werden. Wir stehen im weltweiten, harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen. Aber auch unsere eigenen Werke in China oder Indien lernen schnell. Gerade in China arbeitet man mit beeindruckender Akribie und Power. Sich hier auf dem Erreichten auszuruhen, ist deshalb keine Option.

Wie haben Sie das Corona-Jahr 2020 erlebt?

Wie andere auch, mit Aufs und Abs, großen Herausforderungen, aber auch schönen Momenten. Wir mussten uns schnell gute Konzepte überlegen, damit die Mitarbeiter geschützt sind, gerade wenn die Produktion weitergeht. Daneben ging jeder wenn möglich ins Homeoffice. Letztlich wurde so der Einzug in die virtuelle Welt enorm beschleunigt. Ohne Corona wären wir nie so schnell so weit gekommen. Und plötzlich stellt man fest, dass diese Pandemie bei aller Anspannung das Leben auch entschleunigt hat. Mir blieb tatsächlich mal mehr Zeit für Sport.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung für die Zukunft?

Die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, ist 2020 untergegangen und wird auch nicht mehr kommen. Was bleibt, ist der virtuelle Weg. Wir müssen die digitale Transformation annehmen und leben. Wir müssen unsere Beschäftigten überzeugen, die bevorstehenden Veränderungen anzunehmen, und wollen ihre Lernbegeisterung wecken beziehungsweise noch weiter fördern. Dafür haben wir unter anderem ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm aufgesetzt.

Wo holen Sie sich den Input für die Begleitung des Wandels?

Wandel und Veränderung entstehen nie von allein, sondern immer im Dialog. Der Verband Hessenmetall bietet eine ideale Plattform für Unternehmen, um sich auszutauschen, zum Beispiel zu Zukunftsthemen wie der Digitalisierung oder auch, wenn es um die Tarifrunden geht. Der Austausch macht mir Freude, und ich möchte diese Arbeit nicht missen. Und das Sahnehäubchen dabei: Durch die Kooperation von Hessenmetall mit Eintracht Frankfurt bin ich meinem Lieblingsfußballklub viel näher gekommen.